40 Jahre Netzwerk der Selbsthilfe in Würzburg: „Selbsthilfe ist mehr als ein Stuhlkreis“
WÜRZBURG – Selbsthilfe wirkt – und das seit 40 Jahren. Emotionaler Halt, Zuversicht, ein geringeres Belastungsgefühl, ein großer Informationsgewinn und vor allem das Wissen, nicht allein zu sein: Das sind nur einige der Effekte, die Selbsthilfegruppen bei Betroffenen auslösen können.
Studien belegen diese Wirkung mittlerweile wissenschaftlich. Doch als 1985 die erste Selbsthilfekontaktstelle in Würzburg ins Leben gerufen wurde, war das Konzept noch wenig anerkannt. Umso mutiger war der Schritt des damaligen Sozialreferenten Dr. Peter Motsch, der im Sozialreferat die Keimzelle einer heute nicht mehr wegzudenkenden Institution gründete.
Heute – vier Jahrzehnte später – würdigte Oberbürgermeister Martin Heilig im Aktivbüro der Stadt die Erfolgsgeschichte der Selbsthilfe in seinem Grußwort zum Jubiläum: „Unser Aktivbüro ist ein Ort der Begegnung, der Unterstützung und der Ermutigung. Es bietet Orientierung, Räume für Selbstorganisation und begleitet Selbsthilfegruppen kompetent und einfühlsam – themenübergreifend, digital vernetzt und offen für neue Bedarfe. Es ist Motor und verlässlicher Partner.“
Getragen wird diese Struktur durch ein Netzwerk aus rund 250 aktiven Selbsthilfegruppen, das Aktivbüro, zahlreiche Institutionen wie die SeKo Bayern, Kliniken, soziale Einrichtungen, Beratungsstellen sowie die Krankenkassenverbände und das Landesamt für Pflege. Letztere gelten als langjährige und zuverlässige Förderer. „Diese tragende Säule ist ein anerkanntes Standbein unseres sozialen und gesundheitlichen Versorgungssystems“, so Heilig.
Selbsthilfe hat sich über die Jahrzehnte emanzipiert. Ursprünglich gegründet als Reaktion auf eine von Fachleuten dominierte Gesundheitsversorgung, bei der Betroffene kaum Mitsprache hatten, entwickelte sich daraus eine soziale Bewegung mit eigener Stimme. Deutschland gilt heute mit seinem dichten Netz an Selbsthilfekontaktstellen als internationales Vorbild.
Bereits die ersten Würzburger Gruppen kümmerten sich um chronische Erkrankungen wie Osteoporose, Aphasie oder Essstörungen. Rasch kamen weitere Themenfelder hinzu – etwa Sucht, queere Selbsthilfe, HIV und Aids, Alzheimer-Angehörige oder Depressionen. Inzwischen existieren allein acht Selbsthilfegruppen zum Thema Depression – drei davon speziell für junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren. Diese „Junge Selbsthilfe“ gilt als besonders bedeutender Entwicklungsschritt in der Arbeit der Kontaktstellen.
Würzburgs Oberbürgermeister dankte allen Beteiligten, insbesondere den Ehrenamtlichen, für „40 Jahre gelebtes Miteinander, gegenseitige Hilfe und den unerschütterlichen Glauben daran, dass Menschen füreinander da sein können.“
Auch Dr. Hülya Düber, Mitglied des Bundestags und ehemalige Sozialreferentin, betonte die wachsende Bedeutung der Selbsthilfe. Sie erinnerte sich an den 30. Geburtstag der Kontaktstelle vor zehn Jahren. Inzwischen sei die Zusammenarbeit mit großen Krankenhäusern wie der Uniklinik Würzburg, dem Klinikum Würzburg Mitte, dem Bezirkskrankenhaus Lohr sowie zahlreichen Arztpraxen deutlich intensiviert worden. Die Corona-Pandemie stellte jedoch eine Zäsur dar: „Als uns Corona dramatisch den Stecker zog“, so Düber, habe man schnell auf digitale Formate gesetzt – als Notlösung, aber auch als Erweiterung der Teilhabemöglichkeiten. Denn: „Selbsthilfe ist mehr als ein Stuhlkreis.“
Die neue Sozialreferentin Eva von Vietinghoff-Scheel zeigte sich beeindruckt vom Engagement der Gruppen: „Selbsthilfe stärkt, führt Menschen aus der Isolation und schenkt neue Perspektiven. Sie bietet eine neue Heimat.“ Gerade in krisenhaften Zeiten habe Selbsthilfe ihre Widerstandskraft bewiesen – und das Aktivbüro werde auch künftig gemeinsam mit den Gruppen neue Wege beschreiten.
Warum Selbsthilfe so erfolgreich ist, erklärte Jürgen Matzat, Diplom-Psychologe und langjähriger Leiter der Selbsthilfekontaktstelle Gießen. Neben der persönlichen Stärkung der Teilnehmenden sei vor allem der gesellschaftliche Nutzen groß: Verbesserung der Gesundheitskompetenz, Aufbau neuer sozialer Netze und Integration in das Gesundheitssystem – Aspekte, die Selbsthilfe zu einem festen Bestandteil des Versorgungssystems gemacht haben.
Künstlerisch begleitet wurde der Jubiläumsabend von Musiker Rhobin, selbst in der Selbsthilfe aktiv, und der Malerin Christiane Gaebert, die ein Werk mit starkem Ausdruck und Symbolkraft live während der Veranstaltung gestaltete.
Fazit:
Selbsthilfe ist aus WÜRZBURG nicht mehr wegzudenken – sie lebt durch das Engagement vieler, wirkt tief in die Gesellschaft hinein und wird auch in Zukunft ein wichtiger Baustein sozialer Unterstützung bleiben.
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